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Cottbuser Aufbruch

Am 26. August  2010 um 17.00 Uhr trifft sich der Cottbus Aufbruch zu seiner monatlichen Versammlung im OSZ, Sielower Str. 10 - Cottbus.

Der Cottbuser Aufbruch!

Warum wurde der Cottbuser Aufbruch gegründet? Was sieht er als seine Hauptaufgabe an?

Die Gründung ist nun schon zehn Jahre her, das war 1999. Grund waren mehrere Aktivitäten ausländerfeindlicher Gruppen. So wurde ein ausländischer Fußballspieler von Energie Cottbus nicht in eine Disko gelassen, in einer Straßenbahn wurden Ausländer angepöbelt usw. Da gab es sehr viele Cottbuser, die gesagt haben, „jetzt reicht es uns, das ist es nicht, was Cottbus ausmacht“, und die so genannten “Spaziergänge gegen rechts“ organisiert haben.

Das war sehr erfolgreich, da haben tausende von Menschen mitgemacht. Aber dann waren die Spaziergänge vorbei und einige haben sich überlegt, wie kann man etwas Dauerhaftes machen, etwas Nachhaltiges, wir müssen in die Köpfe der Menschen rein, für Offenheit sorgen. Daraus ist das Aktionsbündnis entstanden. Es ist bis heute ein Bündnis, kein eingetragener Verein, es hat keine Finanzmittel und keine Geschäftsstelle. Es hat drei Leitbilder:

1) „Gelebte Toleranz im Umgang miteinander und mit Fremden!“

Das heißt, der Cottbuser Aufbruch fördert das Miteinander leben, z.B. auch in der Schule, es geht darum, Gewalt zu ächten.

2) „Keine Toleranz für Intoleranz!“

Der Cottbuser Aufbruch fördert den Rechtsstaat, er setzt sich dafür ein, dass besonders bei ausländerfeindlichen Straftaten bei der Justiz oder Polizei keine Verschleppungen passieren, sondern dass sie sofort geahndet werden, dass auch bei jungen Straftätern sofort eingegriffen wird, dass nichts vertuscht wird.

3) „Stärkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit!“

Hier geht es um das Erlernen von toleranten Umgangsformen, um Mitbestimmung einfordern, um Bürgerrechte wahrnehmen.


Dabei sind

  • die Stadtverwaltung, d.h. z.B. der Ausländerbeauftragte
  • Stadtverordnete der demokratischen Parteien
  • die Industrie- und Handelskammer (IHK)
  • die BTU und die Hochschule Lausitz
  • die Kirchen
  • Vertreter der Jugendsozialarbeit
  • Eltern- und Schülervertreter
  • freie Träger der Jugendarbeit
  • Seniorenverbände
  • Journalisten
  • das Theater
  • der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB)
  • Opferanlaufstellen
Wir sind ein Querschnitt der gesellschaftlich tragenden Schicht, ein sehr breites Spektrum. Das ist wichtig, um etwas zu bewegen. Es gibt keine politische Parteinahme, auch wenn solche Bündnisse meist eher linksgerichtet sind und mehr Mitglieder von der SPD und den Grünen kommen, weniger von der CDU, die aber im Falle des Falles natürlich auch dabei ist.
Das Bündnis versteht sich als Plattform, die die Mitglieder anregt, etwas in ihrem Bereich zu tun, es gibt eher selten Aktionen für alle. Das Hauptanliegen ist Anregung und Austausch. Dafür gibt es alle 6-8 Wochen Treffen, auf denen jeder aus seinem Bereich berichtet und man gemeinsam sieht, wo muss man was tun. Dabei kann es sich um rassistische Äußerungen am Arbeitsplatz handeln, die zu Kündigungen führen können. Wichtig ist die Unterstützung der Zusammenarbeit von Justiz und Polizei.
Das Bündnis ist auch einmal mit Jugendlichen ins Gefängnis gegangen, um mit jugendlichen Insassen zu sprechen, die Gewalttaten begangen haben oder wegen Ausländerfeindlichkeit straffällig wurden. Das hat auf ähnlich gesinnte "normale" Jugendliche manchmal einen abschreckenden Effekt, wenn sie vor Ort sehen, wie man sich durch so etwas sein Leben ruinieren kann. Im Fachjargon heißt das Primärprävention.
Im Plenum aber schildert jeder seine Erfahrungen. Seit 1998 hilft uns das sogenannte „mobile Beratungsteam“. Es kennt aus jedem Abschnitt der Gesellschaft den spezifischen Rechtsradikalismus und weiß gut, wie sich die rechte Szene entwickelt. Es ist sehr hilfreich, um die Lage in Cottbus und im Kreis zu kennen.
Welche Rolle spielt Rassismus in Cottbus? Gibt es Gegenden, die man generell meiden sollte?

Cottbus ist sicher nicht rassistischer als andere Städte, auch wenn es Probleme gibt wie in auffallend vielen anderen ostdeutschen Städten auch. Die Leute sind aufgrund der DDR-Geschichte nicht so gewöhnt, mit Fremden umzugehen, es gab früher einfach keinen Kontakt zu Fremden, man war abgeschottet, Fremde waren nicht willkommen. Hinzu kommt, dass man in Zeiten wirtschaftlicher Not zugänglicher für rechtes Gedankengut ist.
Daneben gibt es einen harten Kern des Extremismus, der sich z.B. gegen Schwarze richtet, einfach weil sie auffällig anders aussehen. Auch „normal deutsch“ Aussehende mit Akzent und (deutsche) Behinderte und Linke werden ausgegrenzt, weil sie „anders“ sind. In der Stadt ist das nicht so ausgeprägt wie im Landkreis. In bestimmten Stadtteilen wie z. B. Schmellwitz fühlt man sich abends und nachts sicherer, wenn man nicht alleine unterwegs ist, vor allem wenn man eine andere Hautfarbe hat. Das heißt, man kann schon überall hin, aber man muss etwas vorsichtig und nicht naiv sein, man selbst würde als Deutsche(r) in manchen Gegenden nachts auch nicht alleine spazieren gehen. Man darf den Teufel nicht an die Wand malen; bei aller berechtigten Vorsicht gibt es auch viele irrationale Ängste.
Es ist keine Lösung, die Straße als allgemeinen öffentlichen Raum den Rechten zu überlassen!

Mit welchen ausländischen Gruppen in Cottbus hat der Cottbuser Aufbruch am meisten zu tun? Welche Rolle spielt die Gruppe der internationalen Studierenden?

Bei unserem Bündnis richtet sich das je nach den einzelnen Initiativen, wir verstehen uns ja als übergeordnete Plattform und machen nicht alles selber, sondern wir regen an, wo könnte man etwas tun.
Mit der Uni gibt es ein paar Zusammenarbeiten, wie die Tandempartnerschaften mit Familien vom StuRa. Die Idee muss von beiden Seiten unterstützt werden. Leider ist das Ganze etwas schwierig, weil die Studierenden so häufig wechseln. Viele sind ein Jahr sehr engagiert, kommen ins Examen und sind dann weg, da bleibt dann wenig Kontinuität. Das ist normal. Wichtig ist aber ein dauerhafter Kontakt.

Hat sich seit der Gründung des Cottbuser Aufbruchs etwas geändert?

Ohne uns Lorbeeren umhängen zu wollen glauben wir, dass sich das Klima geändert hat. Man spricht darüber. Das merkt man besonders im Umgang mit Asylbewerbern. Viele setzen sich für sie ein, ein paar von ihnen sind immer irgendwo dabei, bei Seniorentreffen, Hausaufgabenhilfen; bei Aktivitäten und Festen gibt es ausländische Küche und Musik, Einladungen gehen immer an russische Aussiedler, die jüdische Gemeinde.
Man hat auch bei der Antinazidemo im Dezember 2003 gesehen, dass es ganz viel Zuspruch gab, am Tag selber hat es dann zwar in Strömen geregnet, wo eigentlich kein Mensch vor die Tür will, da war die Organisation etwas schwierig, aber spontan hatten sich ganz viele Verbände usw. gemeldet. Konsens war: sowas bloß nicht dulden.

Dann reagiert die einheimische Bevölkerung positiv auf die Aktionen?

Ja, sie ist die breite Basis unserer Aktionen. Klar sind nie alle dafür, aber das Problembewusstsein ist größer geworden, viele haben sich ein Stück weit geöffnet, auch wenn immer noch ein Rest Misstrauen da ist.

Was waren besonders erfolgreiche Aktionen?

Die Aktion Cottbuser Zuflucht müsste mal wieder aktualisiert werden, aber die Aufkleberaktion ist sehr erfolgreich gewesen, weil viele Leute angefangen haben zu diskutieren: brauche ich das? Das war ein Erfolg, der zu vielen Aktionen angestoßen hat.
2001 gab es eine große Demo mit 10.000 Leuten nach dem Motto: „Jetzt reicht’s! Wir lassen uns das nicht gefallen!“. Anlass waren Randale vor einem jüdischen Familienhaus und Verprügelungen von Ausländern.
2000 war der Bundespräsident da, denn zum Auftakt der Aktionen gab es eine Podiumsdiskussion im Staatstheater, die große Wirkung hatte.
Der Cottbuser Aufbruch initiierte auch die Änderung der Unterbringung von Asylbewerbern: Kein großes Heim für alle 400 Asylbewerber zusammen! Auch wenn es normal ist, dass man am Anfang in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse seine Landsleute um sich haben möchte – wir würden das auch wollen – ist das auf Dauer doch eine zu große massenweise Abkapselung, die für beide Seiten nicht gut ist. Nun werden nur ca. 100 Leute für die Anfangszeit in einem Haus untergebracht und dann nach einem Jahr, wenn die Sprache etwas besser gekonnt wird, erfolgt eine Unterbringung in einer Wohnung für sich, in der Stadt verteilt. Das ist viel sinnvoller für die Integration. Am Anfang gab es sehr viele Gegenstimmen und Ängste, aber so was muss man dann einfach trotzdem tun, man muss Mut haben, und es hat auch quasi keine Probleme gegeben. Wenn man miteinander im gleichen Haus wohnt, sieht man schnell, das sind auch nur Menschen.

Wie soll man sich verhalten, wenn man Opfer einer rassistisch motivierten Straftat wird? Wenn man angegriffen wird?

Wie es die Polizei immer sagt: nicht den Helden spielen, keine Schlägerei provozieren, sondern laut schreien, die Leute vor Ort mit einbeziehen und sie direkt ansprechen: „Sie da mit der Brille, helfen Sie mir“ oder „Sie da mit der blauen Jacke, sagen Sie mal ihre Meinung“. Wenn Schlägertrupps merken, derjenige hat Unterstützung, hauen sie sehr häufig ab. Das gleiche Gafferprinzip wie bei Unfällen muss durchbrochen werden: nicht glotzen, etwas tun! Als Zeuge sich verantwortlich fühlen!
Auf jeden Fall die Polizei rufen, dabei keine Hemmungen haben, denn es gibt keine andere Chance zu erfahren, was passiert ist. Nicht nur wenn jemand verprügelt, sondern auch, wenn jemand blöd angequatscht worden ist: melden! Ohne Information kann nichts gemacht werden. Die 110 anrufen!
Man kann sich hinterher auch bei Opferberatungsstellen melden, weil solche Erfahrungen sehr traumatisch sein können. Auf jeden Fall jemanden Bescheid sagen! Anlaufstellen gibt es viele.